Warum das Arms-Race-DLC von Borderlands 3 alles andere als güldig ist – ein langer, trauriger Abgesang
Gearbox nimmt mir mein Action-Skill, mein Lagerfeuer-Gefühl und meine Würde – und nennt das dann auch noch Premium-Inhalt.
Setzt euch, macht euch einen Tee, holt die Katze auf den Schoß – bei mir liegt gerade Jimmy quer über der Tastatur und ist der Meinung, dieser Artikel brauche ein „nnnnjjjjuuuu“ in der Mitte, und ehrlich gesagt hat er damit mehr zum Spielspaß beigetragen als der Modus, über den ich heute schreibe. Es geht um den Arms-Race-Modus aus dem Designer's-Cut-DLC von Borderlands 3, und ich sage es gleich zu Beginn, damit wir uns verstehen: das ist nicht güldig. Das ist das exakte Gegenteil von güldig. Wenn güldig ein warmes Lagerfeuer ist, an dem man nach einem güldigen Bosskampf sitzt, dann ist Arms Race der kalte Wind, der einem das Lagerfeuer ausbläst, während man noch die Hände darüber hält.
Auf einen Blick
- DLC
- Designer's Cut (enthält Arms Race)
- Release
- 10. November 2020
- Preis
- 14,99 $
- Modus
- Roguelite-Battle-Royale-Mischung
- Schauplatz
- Stormblind Complex
Worum es überhaupt geht, für die zwei Leute, die es verdrängt haben
Kurz die Fakten, denn die bleiben bei mir immer sauber, egal wie sehr ich mich aufrege. Designer's Cut erschien am 10. November 2020 und kostete einzeln 14,99 Dollar. Enthalten sind zwei Dinge: ein neuer Skill-Tree pro Vault Hunter – dazu später mehr, denn die sind tatsächlich gut – und eben Arms Race, ein Roguelite, das sich am ehesten als Roguelike-Version eines Battle Royale beschreiben lässt. Eine In-Universe-Realityshow, moderiert von Axton und Salvador, wirft euch auf eine winterliche Insel mit einer stillgelegten DAHL-Militärbasis, dem Stormblind Complex. Ihr werdet vorher ausgezogen wie eine Weihnachtsgans: keine Ausrüstung, keine Action Skills, keine passiven Fähigkeiten. Dann rennt ihr los, sucht Loot, und ein herannahender Sturm soll euch angeblich zur Eile treiben.
„Soll“ ist hier das wichtigste Wort im ganzen Absatz. Merkt es euch. Wir kommen darauf zurück.
Sie nehmen dir das Action-Skill – und damit die Seele
Das Erste, was Arms Race mir wegnimmt, ist mein Action Skill. Und wisst ihr was? Das Action Skill ist der Grund, warum ich Borderlands überhaupt spiele. Ich bin ein RPG- und Soulslike-Mensch, das wisst ihr, ich brauche das Gefühl von Aufbau, von einer Figur, die MEINE Figur ist, mit MEINEN Entscheidungen. Nehmt einem Soulslike die Rüstung, die Waffen und die aufgelevelten Werte weg, und ihr habt einen nackten Kerl, der in Unterhosen gegen Malenia rennt. Genau das ist Arms Race. Ohne Action Skill, ohne Skillpunkte, ohne Perks, ohne Guardian-Rank-Boni gibt es buchstäblich keinen Unterschied mehr zwischen den vier Vault Huntern. Amara, FL4K, Moze, Zane – vier Namen, ein Nichts. Man könnte auch einfach einen grauen Umriss spielen. Das wäre ehrlicher.
Und das tut besonders weh, weil Borderlands ja sonst dieses herrlich güldige Ding macht, bei dem man sich seine Spielweise zusammenbastelt. Ich hab damals mit Herrn Schote nächtelang über Builds diskutiert – er wollte immer irgendwas mit maximalem Schaden pro Sekunde, ich stand mehr auf die trickreichen Sachen, Statuseffekte, Kombos, das Elegante. Einmal haben wir bis vier Uhr morgens darüber gestritten, ob ein Cryo-Build eigentlich „feige“ sei. Er sagte ja. Ich sagte, es sei taktisch. Herr Wetter Herr, der zufällig im Discord war, sagte nur, wir hätten beide unrecht und legte auf. So läuft das bei uns. Aber ich schweife ab. Zurück zum eigentlichen Elend.
Der Loot, den man findet und nie benutzen darf
Kommen wir zum Kern der Sache, denn hier wird es richtig absurd. In Arms Race findet man die ganzen neuen Wummen, Schilde und Granaten – und darf sie im Modus selbst nicht benutzen. Man hebt eine güldig aussehende Knarre auf, das Herz macht einen kleinen Hüpfer, und dann merkt man: nö, die ist nur zum Rausschmuggeln da. Extrahierter Loot landet nicht auf der Figur, sondern direkt im Vault, wo er sich unter Hunderten anderen Gegenständen versteckt. Man sucht sich also hinterher tot, um die eine Waffe wiederzufinden, die man mühsam über die Ziellinie geschleppt hat.
Das ist, als würde man zu einem güldigen Buffet eingeladen, dürfte aber nichts essen, sondern nur einzelne Häppchen in die Jackentasche stopfen, um sie später zu Hause aus dem Futter zu klauben. Ich mag Loot. Ich liebe Loot. Loot ist der Herzschlag dieses Genres. Und Arms Race macht aus dem Herzschlag eine Steuererklärung.
Ein Tod, und alles ist weg
Jetzt kommt der Teil, bei dem ich beim ersten Mal tatsächlich den Controller sanft, aber bestimmt auf das Sofakissen gelegt und den Raum verlassen habe. Stirbt man einmal, ist der gesamte Run weg. Alles. Der ganze mühsam zusammengesuchte Kram. Und weil das noch nicht reicht, sorgt Borderlands mit seiner geliebten Fass-Physik dafür, dass man nach einem eigentlich gewonnenen Kampf von einem explodierenden Fass niedergestreckt wird, das man zwei Sekunden vorher noch gar nicht gesehen hat. Kein Second Wind, keine Rettung, nur der Ladebildschirm und die stille Erkenntnis, dass die letzten zwanzig Minuten für die Tonne waren.
Ich bin, das muss man wissen, wirklich hartes Zeug gewohnt. Ich habe in Soulslikes Bosse zwanzig, dreißig Mal gelegt und bin danach güldig gewesen. Der Unterschied ist: Da lerne ich. Da werde ich besser. In Arms Race lerne ich nur, dass Fässer existieren, und das wusste ich vorher schon. Ein Roguelite lebt davon, dass man mit jedem Lauf ein bisschen klüger, ein bisschen stärker, ein bisschen weiter kommt – dass sich etwas ansammelt, ein Wissen, ein Gefühl, meinetwegen eine Meta-Progression. Hier sammelt sich nichts an außer Frust. Und Frust ist keine Progression, Frust ist nur Frust mit besserer Beleuchtung.
Der Sturm, der keiner ist
Erinnert ihr euch an das Wörtchen „soll“ von weiter oben? Hier ist es wieder. Der herannahende Sturm soll euch unter Druck setzen, soll Entscheidungen erzwingen, soll dieses schöne, panische Battle-Royale-Herzklopfen erzeugen, bei dem man abwägt: noch eine Kiste oder lieber raus? In der Praxis ist der Sturm so bedrohlich wie ein Nieselregen, bei dem man den Schirm zu Hause lässt. Man merkt ihn kaum. Er zwingt zu gar nichts. Und damit fällt die eine Mechanik weg, die dem ganzen Modus einen Rhythmus, eine Spannung, einen Sinn hätte geben können.
Was übrig bleibt, ist langsames, zähes Herumlaufen und das Abarbeiten kleiner, lustloser Gegnergrüppchen. Tot, langsam, leer – so hat es damals sogar die Fachpresse beschrieben, und ich, der ich normalerweise gern gegen die Meinung der Masse anschreibe, muss diesmal traurig nicken. Es ist selten, dass ich einem Spiel Langeweile vorwerfe. Borderlands ist doch dieses laute, bunte, herrlich alberne Ding, bei dem ständig irgendwas explodiert und einem eine Waffe Beleidigungen ins Ohr schreit. Dass ausgerechnet daraus etwas so Fades entstehen kann, ist fast schon eine Leistung. Eine traurige, aber eine Leistung.
Und ja, das gehört auch gesagt: Die Skill-Trees sind güldig
Ich wäre kein fairer Mensch, wenn ich nicht die andere Hälfte des Designer's Cut erwähnen würde, denn die ist tatsächlich gut. Jeder Vault Hunter bekommt einen zusätzlichen Skill-Tree mit neuem Action Skill, und die sind eine echte Freude. Amaras Enlightened-Force-Baum bringt Cryo-Effekte und die Phaseflare-Fähigkeit. FL4K bekommt mit dem Trapper-Baum einen Loader-Bot-Begleiter und die Gravity Snare. Moze verwandelt mit Bear Mother den Iron Bear in einen putzigen Iron-Cub-Mini-Mech, der einem hinterherstapft. Und Zanes The-Professional-Baum spendiert die MNTIS-Schulterkanone, die einfach güldig aussieht und sich noch güldiger anfühlt.
Und genau das ist die eigentliche Tragödie an der Sache. Diese Skill-Trees allein wären ein güldiges kleines DLC gewesen, über das ich mit warmem Herzen hätte schreiben können. Stattdessen wurden sie an einen halbfertigen Modus gekettet und mit ihm zusammen als Premium-Paket verkauft. Viele Stimmen meinten damals schon, Arms Race hätte ein kostenloses Update sein sollen, kein Teil eines bezahlten Season Pass – und da bin ich sofort dabei. Man verkauft mir eine güldige Tasse Kaffee, gießt aber vorher eine Kelle Spülwasser hinein, und dann soll ich für das Gesamtwerk zahlen. Nein danke.
Was Arms Race hätte sein können
Und hier werde ich jetzt kurz weich, weil das mein eigentliches Problem ist: Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Die Idee ist ja gar nicht schlecht. Ein Roguelite-Ableger in einem Loot-Shooter, bei dem es nur ums nackte Gunplay geht, bei dem man ohne Krücken auskommen muss – das kann funktionieren. Das kann sogar richtig güldig werden. Man hätte den Sturm gefährlich machen müssen, damit echte Spannung entsteht. Man hätte eine Meta-Progression einbauen müssen, damit sich das Sterben nach etwas anfühlt und nicht nach Zeitverschwendung. Man hätte den gefundenen Loot wenigstens im Lauf benutzbar machen müssen, damit sich das Suchen lohnt. Drei Stellschrauben, an denen keiner gedreht hat.
Ich hab mir damals sogar vorgestellt, wie ein güldiger Arms-Race-Abend hätte aussehen können. Ich, Herr Schote und Herr Wetter Herr, drei Runs am Stück, jeder mit einer alberneren Waffe als der Vorherige, dazwischen Sticheleien, wer wieder in ein Fass gerannt ist. Ein bisschen wie unsere alten Koop-Nächte, bei denen Jimmy garantiert einmal über meine Tastatur läuft und den entscheidenden Sprung versaut – der übrigens gerade genau das getan hat, während ich diesen Satz tippe, danke Jimmy, wirklich. Aber die Realität war eben nicht dieser Abend. Die Realität war, dass wir nach dem zweiten Run einfach etwas anderes gestartet haben. Und das ist das vernichtendste Urteil, das ich einem Modus überhaupt ausstellen kann: Er war nicht schlimm genug, um darüber zu lachen, und nicht gut genug, um dabei zu bleiben.
Fazit: Kein gĂĽldig, nirgends
Also, um es zusammenzufassen, für alle, die bis hierher durchgehalten haben – ihr seid übrigens güldig, ihr wenigen Treuen: Der Arms-Race-Modus nimmt einem alles, was Borderlands ausmacht, gibt fast nichts zurück, verkauft den Verlust als Feature und wird obendrein zusammen mit ein paar wirklich tollen Skill-Trees als Premium-Inhalt an den Mann gebracht. Kauft den Designer's Cut, wenn ihr die Skill-Trees wollt, die sind es wert. Aber tut es mit dem Wissen, dass die zweite Hälfte des Pakets vor allem eins ist: eine verpasste Chance, die man mit einem explodierenden Fass verwechselt hat.
- Kein Action Skill, keine Perks, keine Skillpunkte – alle Vault Hunter fühlen sich identisch an
- Gefundener Loot ist im Modus selbst unbenutzbar und landet unsortiert im Vault
- Ein einziger Tod beendet den kompletten Run – gern per unsichtbarem Fass
- Der Sturm erzeugt keinerlei Druck und damit keine Spannung
- Die neuen Skill-Trees sind güldig – hätten aber ein eigenes, faires DLC verdient gehabt
So, Jimmy ist eingeschlafen, der Tee ist kalt, und ich hab genug über einen Modus geredet, der es nicht wert war, so lang zu werden – und ist das nicht die eigentliche Ironie? Ich habe Arms Race mehr güldige Aufmerksamkeit geschenkt, als es je verdient hat. Passiert mir nicht nochmal. Wo war ich? Ach ja. Nirgends. Genau da lässt einen dieser Modus zurück.
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